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Stolpersteine machen Geschichte erlebbar

Vor der Weststraße 73 begann die diesjährige Stolpersteinverlegung mit einem Stein für Regina Spiegel.

185 Stolpersteine erinnern seit diesem Freitag in Ahlen an frühere Bürgerinnen und Bürger, die aus rassischen, religiösen und politischen Gründen von den Nazis verfolgt und zum großen Teil ermordet worden sind. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte am 28. Januar 2022 die jüngsten 30 Steine, die überwiegend an Mitglieder der ehemaligen Ahlener jüdischen Gemeinde erinnern.

Unter ihnen die stadtbekannten Kaufmannsfamilien Rosenberg, Gumpert und Falkenstein-Windmüller, von denen den meisten die Flucht in das britische Mandatsgebiet Palästina oder nach Nord- oder Südamerika gelang. Aber auch der mitgliederstarken Ahlener Ortsgruppe der Kommunistischen Partei, stellvertretend seien erwähnt Kurt Schlegel, der nach dem Krieg Geschäftsführer der Schuhfabrik Huerkamp war, sowie den damals in Ahlen bekannten und beliebten Radsportler Fritz Starke, ist mit der Verlegung gedacht worden. Gustav Kleinemeier ist die vorerst letzte Person aus der Opfergruppe der Zeugen Jehovas, an die in Ahlen insgesamt acht Steine erinnern.

Aktive Erinnerungsarbeit: Jugendliche erforschen Biografien

Serhat Ulusoy (r.) rief zu Engagement für die freiheitliche Demokratie auf.

Jugendliche der Fritz-Winter-Gesamtschule, die sich im Kreisarchiv über das Leben von Hans Jakob Gumpert informierten, verlasen Stationen seines Lebens. Im Alter von 17 Jahren verließ der junge Mann 1933 Ahlen mit seiner Familie Richtung Palästina. In der Wiedergutmachungsakte seines Vaters fand sich ein Hinweis darauf, dass Gumpert in den späten 50er-Jahren in Israel lebte. „Was dazwischen passierte, ist noch weitgehend unerforscht“, so Geschichtslehrer Oliver Kottmann. Folgende Jahrgänge wollen die Spur verfolgen und sich so weiter der Person Hans Jakob Gumpert nähern.

Stellvertretender Bürgermeister Serhat Ulusoy begrüßte zu Beginn der Verlegung auch eine Abordnung der Bundeswehr. Das Aufklärungsbataillon 7 aus der Westfalenkaserne übernimmt die Patenschaft für einen an Frieda Falkenstein erinnernden Stein. An der Beckumer Straße wohnhaft gelang ihr die Flucht mit Ehemann und Tochter 1938. Kommandeur Oberstleutnant Christoph Linnenbaum: „Nachdem die Stadt mit der Anregung auf uns zukam, bestand im Offizierskorps schnell Einigkeit, die Patenschaft zu übernehmen.“ Die Bundeswehr fühle sich Ahlen sehr verbunden und wolle dies auch durch ihr gesellschaftliches Engagement zeigen. In der Ausbildung junger Soldatinnen und Soldaten werde der Stolperstein dazu beitragen, Geschichte erlebbar zu machen.

Unterstützung erhielt Gunter Demnig von Dirk Schumacher von den Ahlener Umweltbetrieben.

Bilder heutiger Fluchtbewegungen kamen den Teilnehmenden unweigerlich vor Augen angesichts des von Regina Spiegel erlittenen Schicksals. Nach der Vertreibung aus Ahlen strandete die Jüdin in einem nordafrikanischen Flüchtlingslager, wo sie an den Folgen der Flucht mit 55 Jahren verstarb. „Auch sie gilt als von den Nazis ermordet, weil es ohne die verbrecherische Diktatur überhaupt keinen Anlass zur Flucht gegeben hätte“, so Manfred Kehr, der die städtischen Stolpersteinaktivitäten koordiniert.

Veröffentlichungen erzählen etwas über die Menschen hinter den Steinen

Die Verlegung von Stolpersteinen reicht in Ahlen zurück bis ins Jahr 2008. Wie alle vorherigen sei auch die jetzt abgeschlossene 12. Verlegerunde „sehr bedeutsam für die Erinnerungskultur in unserer Stadt“, so Serhat Ulusoy. „Wir dürfen niemals aufhören, die Erinnerung an die Ereignisse wachzuhalten“, fordert der stellvertretende Bürgermeister alle politischen und gesellschaftlichen Akteure auf, NS-Taten und rassistische Ideologien zu ächten und für die Werte der freiheitlichen Demokratie einzustehen.

Damit mehr Menschen erfahren, an wen die Stolpersteine erinnern, empfiehlt Ulusoy die Installation einer vom WDR entwickelten App, die unter anderem in Zusammenarbeit mit der Stadt Ahlen entstanden ist. Sie gibt Auskunft über jeden in Nordrhein-Westfalen verlegten Stein. Eine weitere Publikation zum selben Thema kündigte Manfred Kehr an. So soll im Laufe des Jahres von Stadt und Kreisarchiv ein Buch veröffentlicht werden, das Schlaglichter auf alle 185 in Ahlen verlegte Stolpersteine und die mit ihnen verbundenen Biografien wirft.

App gegen das Vergessen

Das digitale Projekt „Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen" erzählt die Geschichte der Menschen hinter den Steinen von Künstler Gunter Demnig. Mit Texten, Fotos, Audios, Illustrationen und Augmented-Reality-Elementen soll die WDR-App zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Opfern des Nationalsozialismus vor der eigenen Haustür anregen. „Stolpersteine NRW" ist ab sofort als App auf dem Smartphone und am PC/Laptop im Desktop-Browser nutzbar.

Verlegung am 28. Januar 2022

Weststraße 73
HIER WOHNTE
REGINA SPIEGEL
JG. 1886
FLUCHT 1939
MAROKKO
FLÜCHTLINGSLAGER
TOT JAN. 1941

Oststraße 52
HIER WOHNTE
ADOLF ROSENBERG
JG. 1896
FLUCHT 1937
USA

HIER WOHNTE
ERNA ROSENBERG
GEB. HERTZ
JG. 1908
FLUCHT 1937
USA

HIER WOHNTE
ROLF ROSENBERG
JG. 1932
FLUCHT 1937
USA

Oststraße 40 (Alt 21)
HIER WOHNTE
PHILIPP GUMPERT
JG. 1885
FLUCHT 1933
PALÄSTINA

HIER WOHNTE
SELMA GUMPERT
GEB. LOEWENSTEIN
JG. 1884
FLUCHT 1933
PALÄSTINA

HIER WOHNTE
HANS JAKOB GUMPERT
JG. 1916
FLUCHT 1933
PALÄSTINA

HIER WOHNTE
REGINA GUMPERT
JG. 1910
FLUCHT 1933
PALÄSTINA

Oststraße 31
HIER WOHNTE
HERMANN WEINBERG
JG. 1891
„SCHUTZHAFT“ 1938
DACHAU
TOT 31.1.1941
DÜSSELDORF
UMSTÄNDE NIE GEKLÄRT

Ostenmauer 26
HIER WOHNTE
ALBERT SACHS
JG. 1896
FLUCHT 1938 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
TOT 28.2.1945

Nordstraße 5
HIER WOHNTE
GERDA HAHN
JG. 1890
DEPORTIERT 1941
MINSK
ERMORDET

HIER WOHNTE
BERTA HAHN
GEB. GOLDSTEIN
JG. 1858
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 17.6.1943

Im Kühl 10
HIER ARBEITETE
KURT SCHLEGEL
JG. 1907
IM WIDERSTAND / KPD
„VORBEREITUNG HOCHVERRAT“
VERURTEILT 26.3.1935
LICHTENBURG
BUCHENWALD
ENTLASSEN 19.4.1939

Keplerstraße 66
HIER WOHNTE
GUSTAV
KLEINEMEIER
ZEUGE JEHOVAS
JG. 1877
VERHAFTET 1939
GEFÄNGNIS AHLEN
ENTLASSEN

Kopernikusstraße 55
HIER WOHNTE
FRITZ STARKE
JG. 1904
IM WIDERSTAND/ KPD
VERHAFTET JUNI 1933
„VORBEREITUNG HOCHVERRAT“
1933 BRAUWEILER
EMSLANDLAGER
SACHSENHAUSEN
BEFREIT

Galileistraße 49
HIER WOHNTE
KARL VICARIESMANN
JG. 1899
IM WIDERSTAND/ KPD
VERHAFTET JUNI 1933
„VORBEREITUNG HOCHVERRAT“
BRAUWEILER
BÖRGERMOOR
ENTLASSEN JUNI 1935

Sattelstraße 48
HIER WOHNTE
ALBERT FUNK
JG. 1894
IM WIDERSTAND/ KPD
VERHAFTET 16.4.1933
„VORBEREITUNG HOCHVERRAT“
POLIZEI RECKLINGHAUSEN
TOT 16.4.1933
UMSTÄNDE NIE GEKLÄRT

Hansastraße 19
HIER WOHNTE
ARNOLD HAHN
JG. 1893
„POLENAKTION“ 1938
BENTSCHEN / ZBASZYN
SCHICKSAL UNBEKANNT

Bankenstraße 59
HIER WOHNTE
ERNST GERBER
JG. 1904
IM WIDERSTAND / KPD
VERHAFTET 5.5.1933
„VORBEREITUNG HOCHVERRAT“
1933 ESTERWEGEN
ENTLASSEN SEPT. 1934

Wetterweg 14
HIER WOHNTE
MAX REIMANN
JG. 1898
IM WIDERSTAND/ KPD
VERHAFTET 4.4.1939
„VORBEREITUNG HOCHVERRAT“
STEINWACHE DORTMUND
1942 SACHSENHAUSEN
AUSSENLAGER FALKENSEE
BEFREIT

Am Stockpiper 96
HIER WOHNTE
WILHELM SKURSKI
JG. 1897
IM WIDERSTAND/ KPD
VERHAFTET JUNI 1933
„VORBEREITUNG HOCHVERRAT“
ZUCHTHAUS SIEGBURG
BRAUWEILER
1933 BÖRGERMOOR
ENTLASSEN AUGUST 1935

Finkensteg 21
HIER WOHNTE
JAKOB BONGARDT
JG. 1904
IM WIDERSTAND/ KPD
VERHAFTET JUNI 1933
„VORBEREITUNG HOCHVERRAT“
BRAUWEILER
EMSLANDLAGER
GEFÄNGNIS WERL
ENTLASSEN 1935

Rottmannstraße 54
HIER WOHNTE
HANS ALLWANG
JG. 1909
IM WIDERSTAND/ KPD
VERHAFTET JUNI 1933
„VORBEREITUNG HOCHVERRAT“
ZUCHTHAUS SIEGBURG
GEFÄNGNIS HAMM
ENTLASSEN APRIL 1935

Beckumer Straße 46
HIER WOHNTE
FRIEDA FALKENSTEIN
GEB. WINDMÜLLER
JG. 1892
FLUCHT 1938
PALÄSTINA

HIER WOHNTE
HERMANN FALKENSTEIN
JG. 1883
FLUCHT 1938
PALÄSTINA

HIER WOHNTE
LIESEL FALKENSTEIN
JG. 1925
FLUCHT 1938
PALÄSTINA

Oststraße 18
HIER WOHNTE
WALTER ROLLMANN
JG. 1913
FLUCHT 1934
USA

Gerichtsstraße 13
HIER WOHNTE
SIEGMUND ROSENBERG
JG 1871
FLUCHT 1937
BRASILIEN

HIER WOHNTE
ERNA ROSENBERG
GEB. JACOBY
JG 1878
FLUCHT 1937
BRASILIEN

HIER WOHNTE
HILDE LANDSBERG
GEB. ROSENBERG
JG 1904
FLUCHT 1935
BRASILIEN

Quelle: Stadt Ahlen | Fotos: Stadt Ahlen

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Ich bin Michael Kayser, in Ahlen geboren und aufgewachsen und lebe seit 49 Jahren in meiner Heimatstadt Ahlen. ‘Ahlen.info’ wird von mir privat betrieben und ist ein werbefreies, nicht kommerzielles Projekt.
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